Ueber Liebe - GD und Mimi

Ich lese gerade ein Buch, geschrieben von einem Jungen, der 11 Jahre lang als hirntot galt.

"Martin Pistorius war gerade zwölf geworden, als eine rätselhafte Erkrankung ihn seines bisherigen Lebens beraubte. Elf Jahre blieb er vollständig gelähmt, und seine Umwelt ging davon aus, dass er praktisch hirntot war. Er konnte sich in keiner Weise verständlich machen – und war doch innerlich hellwach. Niemand merkte, dass sein Gehirn sich nach einigen Monaten wieder vollständig erholt hatte. Von nun an musste er hilflos ertragen, dass er wie ein Baby behandelt wurde."

Der nachfolgende Text ist ein Kapitel aus genau diesem Buch. Ein Kapitel in dem Martin beschreibt, die er bei seinen Eltern und Grosseltern beobachten konnte:

"Meine Grosseltern, GD und Mimi, erklaerten mir die vielleicht wichtigste Sache ueber Liebe: Wenn es wahre Liebe ist, dann dauert sie ein ganzes Leben, und wenn sie stark genug ist, kann sie von einer Generation auf die naechste uebertragen werden.

Mein ganzes Leben lang hatte ich Geschichten ueber GD und Mimi gehoert: [...] GD machte eine Lehre als Minenarbeiter, als sie sich kennenlernten, und er fuhr die 50 Kilometer mit dem Fahrrad, um Mimi zu besuchen. Er war so entschlossen, ihr ein angenehmes Leben zu bieten, [...]. GD war das juengste von sechzehn Kindern und Mimi das aelteste von vier, und so war es wohl selbstverstaendlich, dass sie selbst auch Kinder haben wollten. Es dauerte nicht lange, da gab es meinen Vater und dessen zwei Schwestern. Waehrend Mimi ihren Toechtern den Charleston beibrachte und den Haushalt versorgte, baute GD ein Haus fuer seine Familie, damit sie aus der Bergarbeitersiedlung fortziehen konnten.

Meine Grosseltern lebten fast sechzig Jahre gluecklich zusammen, und das aenderte sich auch nicht, nachdem Mimi sich durch einen Sturz die Huefte gebrochen hatte und fortan ans Bett gefesselt war. Sie konnte nie wieder gehen, doch von ihrem behaglichen Bett aus kommandierte Mimi die Versorgung ihres Haushaltes wie ein Oberstabsfeldwebel. GD wurde gesagt, was er einzukaufen, wie und was er zu kochen, und wann er seine Herztabletten einzunehmen hatte. Er hatte kein Ohr fuer die ironischen Bemerkungen seiner 'alten Kumpel', wenn er sie im oertlichen Seniorenheim besuchte.

[...] Doch dann wurde Mimi krank, und diesmal konnte man ihr nicht mehr helfen. Sie wurde von Tag zu Tag schwaecher.

[...] Zwei Tage spaeter klingelte bei uns das Telefon, und Dad nahm ab. Leise sprach er ein paar Saetze, bevor er wieder auflegte.

Mimi ist gestorben", sagte mein er, und ich sah, wie er mit hinter dem Kopf verschrankten Haenden den Flur entlangging, als versuche er die Nachricht, seine Mutter verloren zu haben, in den Schaedel zu bekommen.

Mich erfuellte Trauer und Mitleid mit meinem Vater, als er mich ins Auto setzte und zu seinem Elternhaus fuer, um Mimi noch ein letztes Mal zu sehen. [...]

"Ich fuehle mich, als haette man mir einen Arm amputiert", schluchzte GD, und ich wusste, dass ihm das Herz brach, weil ihm die Frau, die er all die Jahre so sehr geliebt hatte, genommen war.

Ihre Liebe hatte ein Leben lang gedauert; ihre Lebensgeschichten waren so eng miteinander verknuepft, dass sie vergessen hatten, wo die eine endete und die andere begann. ueberall in diesem Haus fanden sich winzige Hinweise auf ihre Liebe, selbst in den profansten Dingen wie beispielsweise dem Wintermantel, der in Mimis Kleiderschank hing. GD hatte ein HEidengeld fuer seine Frau ausgegeben, da er Angst hatte, ihr koenne kalt werden.

Ein paar Tage spaeter sprach Dad bei Mimis Beerdigung ueber die Liebe, die sie ihren Kindern geschenkt hatte. Als er noch klein war, so eraehlte er der Trauergemeinde, habe seine Mutter ihm seine Sachen mit 'Liebesmaschen' gestrickt, und ihre ruhige stille Gegenwart habe ihn immer begleitet. Und als kleiner Junge, als er seiner Mutter beim Einwecken von Pfirsichen geholfen habe, haette er ihr aus Versehen kochend heissen Saft ueber die Hand geschuettet, sodass sich darauf sofort Blasen gebildet haetten, doch sie sei weder veraergert gewesen, noch habe geschimpft. Stattdessen habe sie die Blasen unter fliessendes kaltes Wasser gehalten, sich einen Verband gemacht und einfach weitergearbeitet.

Waehrend ich meinem Vater zuhoerte, wurde mir klar, dass ich eine weitere Lektion ueber die Liebe bekam, die ich zwischen Maennern und Frauen gesehen hatte: Manchmal war sie spielerisch wie bei Henk und Arrietta, manchmal friedlich wie bei Ingrid und Dave, doch wenn man Glueck hatte, koennte sie wie bei GD und Mimi ein ganzes Leben halten.

Diese Art von Liebe kann von einem Menschen auf den anderen uebertragen werden, wie eine Lebenskraft, die jeden ermutigt, der von ihr beruehrt wird, und die Erinnerungen schafft, die auch nach Jahren noch tief in einem brennen.

Diese Art von Liebe hatte mein Vater erfahren, ud waehrend er jetzt sprach, wusste ich, dass er seine Mutter im Geiste genau so klar vor Augen hatte wie zu ihren Lebzeiten. Waehrend er sich an diese Begebenheiten aus seiner Kindheit erinnerte, spuerte er ihre Beruehrungen und hoerte ihre Stimme, als waere er wieder der kleine Junge, der an dem Tag, als er mit seiner Mutter Pfirsiche einweckte, von ihrer Liebe eingehuellt wurde."

 

 "GD und Mimi" ist ein Kapitel aus dem Buch "Als ich unsichtbar war" von Martin Pistorius

 

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